ZUSAMMEN ALLEIN GEGEN DIE STILLE DAHEIM!

Foto: Alex Boom

Momentan kann man wohl schon davon sprechen, dass die Welt sich in eine völlig andere, neue und unbekannte Richtung dreht. Die Straßen sind deutlich leerer, die meisten Läden verdunkelt und geschlossen. Überall hängen Sicherheitshinweise, Absperrungen und Warnschilder in knallroter Farbe. Vor den geöffneten Supermärkten, Banken und Shops stehen Sicherheitsleute und die sonst gefüllten Parks, Spielplätze, Cafés oder Restaurants sind abgesperrt oder gespenstisch leer. Und eine gewisse Leere breitete sich dabei die letzten Tage inzwischen auch ein Stück weit in mir aus. Wobei sich mir die Frage stellt, ob und wie man diese Leere wieder füllen und die Stille zusammen allein übertönen kann…

Kennt ihr das, wenn ihr eigentlich eine ganz gute Woche hattet? Das Wetter ist wahnsinnig schön, ihr seid ausgeschlafen, lang erwartete Bestellungen trudeln zuhause ein, auf der Arbeit läuft alles glatt, eure Lieblingsbands bringen neue Songs raus, aber trotzdem möchte irgendetwas einfach nicht so recht stimmen. Ein eigenartiges Gefühl wie ein kleines Steinchen im Schuh, das mit jedem Schritt fester piekst. Mein Gemüt sagt mir momentan einfach, dass etwas nicht am richtigen Platz ist und sich komisch anfühlt. Der Mensch ist eben ein Gewohnheitstier. Die einfachsten Dinge wurden die letzte Zeit komplett aus meinem und dem Leben Vieler gestrichen. Für die meisten Menschen bedeutet es Kontaktsperre, Kurzarbeit, Jobverlust, Einsamkeit, Risikogruppe, Isolation, Enttäuschung oder auch Trauer. 

Alles gleich, aber alles anders

Inzwischen ist es einen Monat her, dass das Kontaktverbot in Kraft getreten ist und ich muss zugeben, dass ich diese Situation zu Beginn ein wenig unterschätzt habe. Die Witze darüber, dass sich der Tagesablauf ohnehin nicht großartig ändert, waren am Anfang leicht gemacht. In meinem momentanen Alltag ist es nämlich tatsächlich so, dass ich nach wie vor regelmäßig zur Arbeit gehe (worüber ich sehr froh bin), alleine wohne und viele Kontakte unter der Woche per Smartphone pflege. Wo ist also das Problem? Das Problem für mich ist, dass ich selbst wenn ich wollte, niemanden sehen dürfte, der mir wichtig ist und dieser Gedanke macht mir die Zeit gerade etwas schwerer. Zu groß ist einfach mein Respekt davor, mich selbst mit dem Virus infiziert zu haben und andere anzustecken. Meine Freunde und Familie habe ich inzwischen seit ca. sechs Wochen nicht mehr persönlich gesehen, sondern nur als Facetime-Gesichter wahrgenommen. Verpixelte Gestalten, die in die Webcam winken. Und auch wenn es gut tut, sich mit Freunden oder der Family zu unterhalten, die Last der Woche oder die Sorgen von der Seele zu sprechen, es ist einfach nicht dasselbe. 

Und ihr so?!

Ich habe mich die letzte Woche bei meinen Instagram-Kontakten umgehört und gefragt, wie sie denn mit der Situation umgehen, was sie sehr vermissen und was ihre Motivation ist, weiterzumachen und nicht zuhause zu versacken. Dabei bekam ich einige sehr schöne, liebevolle, motivierende, aber teilweise auch sehr traurige Nachrichten, bei denen ich wirklich mitgefühlt habe. Es ist traurig zu hören, dass Menschen ihren Geburtstag nicht mit ihren engsten Herzensmenschen feiern konnten. Ostern das erste mal in ihrem Leben ganz allein zuhause verbringen. Den langersehnten Urlaub streichen mussten oder sogar ihren Job verloren haben. Auch fand ich es wahnsinnig herzzerreißend zu hören, dass die Großmutter am Telefon regelmäßig weint, weil sie einfach so einsam ist. Und genau da ist das Gefühl wieder. So viele Nachrichten man auch schreibt, so viele Stunden man auch telefoniert oder skypet, sobald das Gespräch vorbei und der Hörer aufgelegt ist, ist da doch wieder nur Stille. Die Ruhe der eigenen vier Wände, die ich lange Zeit eigentlich sehr geschätzt habe.

Mir wurde oft geschrieben, dass den Menschen die Decke auf den Kopf fällt und sie so viele Kleinigkeiten vermissen. Das Kindergeschrei auf der Arbeit im Kindergarten oder die Tiere auf dem Reiterhof. Die gemeinsamen Kino- oder Konzertbesuche mit der Frau während die Kinder bei Oma und Opa sind. Die Sportevents, auf die man sich so sehr gefreut hat. Man empfindet weniger Begeisterung für Dinge, die Spaß machen sollen und beschäftigt sich eher mit seinem Smartphone als produktiv zu sein. Nur damit man eben den Kontakt und andere Menschen nicht aus den Augen verliert und sich nicht noch weiter isoliert.

Kleine Dinge zu schätzen wissen

Aktuell geht es mir so, dass ich es nicht als einfach empfinde, allein zuhause zu sein. Ich würde mir wünschen, die Abende mit Menschen zu verbringen, gemeinsam Filme zu schauen, auf dem Balkon zu sitzen, Musik zu hören und die Sterne zu beobachten. All das ist aber auch nur in Gesellschaft das, was es zu einem positiven Erlebnis macht. Gerade wenn man die Nachbarn lachen und die Familien im Garten grillen hört, ist die eigene Gefühlslage schwierig einzuordnen.

Man möchte es irgendwie auch endlich wieder erleben und weiß inzwischen, dass man es viel mehr zu schätzen wissen wird, wie gut eine einfache Umarmung tun kann. Wie gut Nähe und persönlicher Kontakt sein kann. Den Kopf mal auf an einer vertrauten Schulter ablegen. Viele haben mir genau das geschrieben. Sie würden sich einfach mal wieder wünschen, ihre Liebsten in die Arme zu schließen und fest zu drücken.

Vielen Dank euch allen!

An dieser Stelle muss ich mich aufrichtig bei den Menschen bedanken, die mir diese netten und herzlichen Nachrichten geschrieben haben. Denn Viele waren selbst zwar unheimlich betrübt und traurig, aber gleichzeitig auch voller Tatendrang, Hoffnung und Ideen, wie sie den Kopf nicht verlieren und mit einem guten Gefühl nach vorn blicken können. Wenn auch gerade einfach nur ein Stück weit den Kopf über Wasser halten. Die Zeit wird kommen und ab diesem Zeitpunkt ordnen wir den kleinen Dingen ganz sicher viel mehr Bedeutung zu, als noch vor einigen Wochen. 

Vielleicht ist es uns alles eine Lehre und wir lernen daraus, dass wir die einfachen Dinge im Leben nicht als selbstverständlich erachten sollen. Die Kleinigkeiten groß machen und eher nach dem Bodenständigen streben, das uns auf lange Sicht noch immer glücklich macht. Freundschaft, Familie, Zusammenhalt, Liebe, Verbundenheit. Auch über Kontakte, die online entstehen und aus denen sich diese verschiedenen Beziehungen bilden können. Danke für eure Ehrlichkeit und den Austausch. Nichts davon ist selbstverständlich und es bedeutet mir unheimlich viel, dass ihr auf mich zugekommen seid! Ich bin froh, dass ich bereits so viele tolle Menschen über Instagram kennen lernen durfte. Danke!

Kein Schatten ohne Licht!

Tolle Aktionen, die ich in den letzten Tagen überall gesehen habe, haben aber auch irgendwo Hoffnung gemacht und mir gezeigt, dass es wahnsinnig viele kreative Menschen da draußen gibt, die wissen, wie sie Andere mit kleinen Gesten glücklich machen können. Ein Kino, das Popcorn to Go für Heimkinofans ans Auto serviert. Menschen, die für andere (bis zu diesem Zeitpunkt fremde) Menschen einkaufen gehen. Sportfirmen, die ihre Programme für das Heimtraining gratis zur Verfügung stellen. Gemeinsames musizieren per Webcam oder auf dem Balkon. Postkarten schreiben und Pakete packen um Freunde aufzumuntern. Durch die Fensterscheibe sprechen und einfach Menschen, die sich zusammenraffen um eben diese Einsamkeit aus dem Kopf zu verbannen.

Denn das ist in dieser Hinsicht vermutlich das Schlimmste an allem. Allein zu sein. Deswegen hoffe ich, dass sich die Leute in den kommenden Tagen und Wochen weiterhin verbinden, das Gute und Herzliche in sich aufsteigen lassen, zusammenhalten und eben nicht allein sind. Ein gegenseitiges auf die Schultern klopfen, gemeinsames Lachen und ein “Kopf hoch” kann dabei schon sehr viel wert sein. 

Dazu habe ich gelesen, dass Menschen sich mit alten und verkrachten Freunden nach Jahren das erste mal wieder unterhalten haben und die Freundschaft wieder aufgeblüht ist. Dass Leute gelernt haben, sich mehr mit anderen zu beschäftigen als mit sich selbst. Dass Leute regelmäßig dafür beten, dass es ihnen und der Welt in naher Zukunft wieder besser gehen wird. Und damit die Gewohnheit Abstand zu halten möglichst schnell wieder in unserem Köpfen verblasst, denn das tut mir und vielen Anderen einfach nicht gut.

Zusammen allein, von Daheim zu Daheim

Auch meine Mutter ist eine durchweg fröhlich und freundlich gesinnte Person und sieht eigentlich nur das Gute im Schlechten, Lichtblicke im Dunkeln oder das Schöne im Hässlichen. So konnte ich es mein Leben lang erfahren und irgendwie auch eigene Kraft und Energie daraus schöpfen. Es ist mir meistens ein Wunder, wie sie es macht, aber genau das möchte ich auch wieder. Deshalb ist es mir besonders wichtig, dass dieser Funke in mir weiterhin glüht, ich für meine Leidenschaften brenne. Ich werde weiterhin versuchen meine Kreativität zu entfachen, die Zeit nutzen, die Sonne oder den Wind in ruhigen Momenten auskosten und die gemeinsame Zeit am Telefon auch sehr lieben! 

Ich wünsche euch allen viel Kraft für die kommende unsichere Zeit, die hoffentlich nicht mehr lange anhält! Auf dass wir bald wieder unsere Tage gemeinsam genießen können und es dabei deutlich mehr zu schätzen wissen werden. Vielleicht auf diese aktuelle Lage zurückblicken und feststellen, dass wir alles richtig gemacht haben. Zusammen grillen, in warmen Sommernächten gemeinsam draußen sitzen und die Sterne beobachten. Dabei unsere Lieblingssongs so herrlich schief singen, dass es in den Ohren wehtut und die Liebe wiederfinden, die vielleicht ein wenig aus dem Blickfeld verschwunden ist. Bis dahin sind wir zwar zusammen allein, aber nicht allein!