TOTE MÄDCHEN LÜGEN NICHT – STAFFEL 3 REVIEW

Foto: Alex Boom

Fast schon kam die dritte Staffel der Netflix-Erfolgsserie Tote Mädchen lügen nicht für mich aus dem Nichts, kündigte der erste Trailer, der Anfange August veröffentlicht wurde, die neuen Folgen schließlich bereits für die letzte Augustwoche an. Und diesem wirklich toll zusammengebastelten Trailer konnte man die wichtigste Frage der folgenden Staffel bereits vorab entnehmen und miträtseln, wie alle Schüler auf den Fluren der Liberty High: Wer tötete Bryce Walker? 

Die Staffel eröffnete also mit einem Knall, bevor sie überhaupt losging. Und gleich zu Beginn muss ich loswerden, dass sie mir persönlich bis auf einige Punkte recht gut gefallen hat. Man hat sich zwar zum Teil auf Schemen und Ideen verlassen, die bereits in den ersten beiden Staffeln funktioniert haben, diese aber teilweise komplett auf den Kopf gestellt. Das schuf teilweise neue Situationen und Szenarien. Staffel 3 setzt knapp acht Monate nach den Geschehnissen auf dem Schulball und dem vereitelten Amok-Lauf von Tyler ein.

Die Gruppe um Clay, Jessica, Alex, Justin, Tony und Zach haben es geschafft sich um Tyler zu kümmern, das dunkle Geheimnis für sich zu bewahren und alle Beweise verschwinden zu lassen. Doch tragen alle Beteiligten viele weitere Geheimnisse in sich, die Stück für Stück ans Tageslicht kommen, als die Polizei beginnt in einem Mordfall zu ermitteln. Der ehemalige und verhasste Mitschüler Bryce wurde getötet.  Wer hatte ein Motiv oder sollte man eher fragen: Wer hatte keins?

Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft?

Die Staffel spielt mit den verschiedenen Zeitabschnitten der einzelnen Ereignisse und gibt dem Zuschauer somit viel mehr Raum für eigene Spekulationen und Theorien. Bildlich wird es durch ein zunächst unbekanntes Ereignis in der Gegenwart, welches offenbar in einer Massenschlägerei endete, clever dargestellt. Die Verletzungen in den Gesichtern der Anwesenden lassen somit immer auf die aktuelle Zeitlinie schließen. Auch die Farbgebung und das Bildformat sind klug eingesetzt.

Deutlich interessanter sind allerdings die Rückblicke, denn hier erfahren wir Einiges mehr über Bryce Walker und seine Wandlung zum vermeintlich neuen Menschen, der er versuchte zu werden. In jeder dieser Szenen steht ein wahnsinnig großer Zwiespalt im Raum. Auf der einen Seite sehen wir den bemitleidenswerten Kerl, der vor den Scherben seiner Zukunft sitzt. In einem kaputten Elternhaus. Ohne Freunde. Ohne Hoffnung auf Besserung und der Frage, ob nicht er statt Hannah Baker hätte sterben sollen.

Good Bryce/Bad Bryce

Auf der anderen Seite jedoch sieht man noch immer den verabscheuungswürdigen Menschen, der ohne Reue und Skrupel mehrere Frauen vergewaltigt hat, damit auch noch prahlte und die Familienangehörigen der Opfer verhöhnte. Genau mit dieser Situation und dem zweischneidigen Schwert namens Bryce bekommen wir von den Machern einen noch größeren Zwiespalt vorgesetzt. Denn Bryce rückt storytechnisch an die Stelle von niemand geringerem als Hannah Baker.

Wir sehen viele Begegnungen der Mitschüler mit Bryce und viele Verbindungen untereinander, mit denen man vermutlich niemals gerechnet hätte. Auch wenn auf den ersten Blick jeder einen Grund gehabt hätte Bryce zu ermorden, lernen wird von Folge zu Folge durch die Augen verschiedener Charaktere, warum diese Menschen auch einen guten Grund hatten, es nicht zu tun.

Es geht nicht nur traurig…

Tatsächlich gibt es in der Staffel aber auch ein paar schöne und durchaus witzige Momente, die größtenteils durch das neue Geschwister-Verhältnis zwischen Clay und Justin geschaffen wurden. Justin hat charakterlich eine 180 Grad-Wende durchgemacht und ist ein durchaus liebenswerter Charakter geworden, dem man ebenfalls gönnt, Vieles hinter sich lassen zu können. Trotzdem lassen ihn Vergangenheit, alte Gefühle, Ängste und Verhaltensweisen nicht los. So sehr er es auch versucht, kann er seinem alten Leben nicht entkommen.

Herausheben muss man an ebenfalls Devin Druid in der Rolle von Tyler Down. Er hat es ein weiteres mal geschafft, diese Figur mit all dem Schmerz und dem Leid perfekt darzustellen. Es gibt diverse Szenen, in dem man die Trauer und Verzweiflung, die er in sich trägt, ausnahmslos teilen kann. Tyler ist für mich zu einem der besten Figuren aufgestiegen und das nicht zuletzt wegen der mit Abstand besten schauspielerischen Leistung der gesamten Staffel.

Negative(r) Aspekt(e) der Staffel

Ach ja, da war ja noch was… Was ist nicht so gut fand? Ani. Die Neue an der Liberty High, die einfach nicht so recht in den eingespielten Cast passen will. Aber das liegt nicht an der schauspielerischen Leistung, sondern einfach an der Art und Weise, wie sie eingesetzt wird. Offenbar ist sie neu an der Schule, was aber niemanden so recht interessieren will, denn jeder erzählt ihr Geheimnisse und wodurch auf Teufel-komm-raus der Eindruck vermitteln wird, dass sie sich schlichtweg schnell integrieren konnte.

Am Ende des Tages rechtfertigt dies aber viele Szenen einfach nicht. Im Großen und Ganzen habe ich für sie nur einen Grund gesehen, dabei zu sein: Die Verbindung zu Bryce und die damit verbundene Möglichkeit, Bryce in ein gutes Licht zu rücken. Das gelingt zwar zum Teil, wäre aber auch ohne sie durchaus möglich gewesen. Es war wirklich gewagt und hoch gepokert, eine neue Figur in den Mittelpunkt zu setzen, hat in meinen Augen aber leider nicht funktioniert. Schade auch, dass einige andere Charaktere wie Cheri oder Courtney komplett aus der Serie geschrieben wurden. An dieser Stelle hätte ich doch wirklich lieber auf bekannte Figuren gesetzt, anstatt neue einzuführen.

Auch einige Storypunkte haben für mich nicht perfekt funktioniert und das ein oder andere Logikloch geöffnet, das sich durch einige Teile der gesamten Staffel gezogen haben. Aber dazu soll sich am besten jeder sein eigenes Bild machen. Obwohl mir die Staffel recht gut gefallen hat, kann sie in meinen Augen keinesfalls an Staffel 1 vorbeiziehen. 

Und was steckt dahinter?

Abschließend möchte ich gerne anmerken, dass eine gewisse moralische Frage sich, wie diverse Thematiken des bisherigen Serienverlaufes (Selbstmord, Amoklauf, Homosexualität, Mobbing, Ausgrenzung, Drogenkonsum usw.), auf das wahre Leben übertragen lässt und mich nach vielen Folgen nachdenklich zurück ließ.

Allein aus diesem Grund finde ich es wirklich gut, was die Serie mit den Zuschauern macht. Und auch wenn viele Menschen sich darüber echauffieren, dass die Darstellung und der offene Umgang dieser Themen wie z.B. Selbstmord, Mobbing oder Drogenkonsum verherrlichen, sehe ich genau das Gegenteil. Heutzutage sollte über solche Themen nicht geschwiegen, sondern das Wort gesucht werden.

Ob sich gewisse Menschen damit unwohl fühlen, spielt in meinen Augen keine Rolle, denn Probleme tot zu schweigen verursacht oftmals nur weitere Probleme! Man darf jedenfalls gespannt auf die vierte Staffel der Serie sein, die vermutlich im kommenden Jahr auf Netflix erscheinen wird. Das Streamingportal kündigte bereits an, dass es sich dabei zugleich um die letzte Staffel handeln wird.

 

Release: 23. August 2019
Idee: Brian Yorkey
Darsteller: Dylan Minette, Justin Prentice, Mark Pellegrino u.a.
Laufzeit: 13 Folgen (je 50 – 70 Minuten)
Genre: Teen, Drama, Mystery
FSK: Ab 16 Jahren