(M)EINE WOCHE OHNE SMARTPHONE

Foto: Alex Boom

Wie heutzutage wohl eine komplette Woche ohne Smartphone aussehen würde? Ob man sich im Alltag überhaupt noch zurecht findet? Ob man Organisation und vielleicht auch ein Stück Lebensmittelpunkt von dem kleinen Hochleistungsrechner in seiner Hosentasche so einfach lösen kann? All diese Fragen konnte ich die vergangene Woche gründlich beantworten, denn aufgrund eines unfreiwilligen Selbstexperimentes musste ich knapp zehn Tage auf mein Mobiltelefon verzichten. Wie meine handyfreie Zeit dabei so ausgesehen hat, inwiefern ich mich umarragieren musste/konnte und wieso ich es dennoch als eine positive Erfahrung erlebt habe, lest ihr hier!

Also zugegebenermaßen klingt es schon etwas übertrieben, wenn man sein Smartphone als Lebensmittelpunkt bezeichnet. Aber schauen wir uns doch einmal die Realität an. Das Mobiltelefon dient inzwischen längst nicht mehr nur als Telefon oder Kamera. Mit vielen Apps organisiert man seinen gesamten Alltag ohne es manchmal überhaupt zu merken.  Handywecker klingelt, morgens aus der Tür, Spotify an und auf den Tag vorbereiten, mit den richtigen Songs auf dem Ohr wach werden, Motivation tanken. Kommt die Bahn pünktlich? Kurz checken. Nachrichten und E-Mails abrufen, Sprachnachrichten abhören oder Instagram auf den aktuellsten Stand bringen. Mittagspause. Mal bei Youtube reinschauen, Fotos ansehen, Inspiration suchen, Texte vorschreiben und Gedanken notieren. Nach der Arbeit einkaufen gehen. Einkaufszettel kurz im Smartphone notiert. Ganz easy als Checkliste zum abhaken halt. Dazu nochmal das Konto einsehen. Läuft. Bezahlen.

Und das alles ist nur ein Teil der alltäglichen Dinge, für die ich mein Smartphone benötige und nutze. Aber als mir neulich die Grippewelle um die Ohren geflogen ist und mein Handy ins Erkältungsbad fiel, stand ich erst einmal doof da. Ohne Smartphone. Glücklicherweise konnte ich Kontakte, Notizen und Apps inklusive gespeicherter Passwörter auf meinem iPad finden, sodass ich eine Basis meiner Daten trotzdem zur Verfügung stehen hatte. Ich hatte also zumindest die Möglichkeit, Leute mit meinem verstaubten Festnetztelefon anzurufen oder über iMessage, Instagram und Facebook Nachrichten zu verschicken (Whatsapp ist auf dem iPad nicht verfügbar). Allerdings läuft mein Tablet auch nur, solang es mit dem WLAN verbunden ist. Das heißt unterwegs war es mir nicht möglich, auf all diese Dinge zuzugreifen.

Der erste Schock nach dem Ausfall sitzt echt echt tief, denn nicht nur um das (in diesem Fall erst ca. ein Jahr alte) Smartphone ist es sehr schade, sondern auch um gespeicherte Fotos, persönliche Daten oder Nachrichtenverläufe. In diesen Momenten möchte man einfach laut Sch*%&$@ rufen… Könnte sein, dass ich das auch das ein oder andere Mal gemacht habe. Sorry an meine Nachbarn! Aber nach und nach ist mir aufgefallen, dass man sich auch irgendwie drumherum organisieren kann. Einige Dinge über das iPad oder den heimischen Rechner lösen. Für Fotos habe ich mir die Spiegelreflexkamera einer Freundin geliehen und mich dadurch endlich mal damit beschäftigt, Fotos nicht nur mit dem Handy zu schießen.

Ich bin ein Mensch, der stets versucht seine Organisation im Leben nicht zu verlieren. Wenn notwendig halt auch mal ne To-Do-Liste macht oder mehrfach nachschaut, wann er wo auf welche Bahn warten muss. Gewisse Situationen, die ich an einem Tag beobachten konnte, als ich in der Stadt war um einige Dinge zu erledigen hätte ich mit Handy in der Hand wohl nie mitbekommen. Da ich nicht frühzeitig den Fahrplan einsehen konnte, habe ich leider die Bahn um eine Minute verpasst und musste gleich mal 30 Minuten am Bahnsteig warten. Ein Mädchen, das in einem Laden vorher schon meine Einkäufe kassiert hat, setzte sich neben mich und telefonierte, regte sich über ihren ersten Tag im Laden auf, an dem sie schon die Kasse bedienen musste und komplett überfordert war. Tat mir irgendwie leid und ich erinnerte mich sofort an meinen ersten Tag in einem damaligen Job im Klamottenladen zurück, der ganz genau gleich ablief. Ich habe sie daraufhin etwas ermutigt und alles Gute gewünscht. Mit Musik im Ohr wäre mir das nie aufgefallen.

Auf dem anderen Gleis übte zum gleichen Zeitpunkt ein junger Typ seine Dancemoves vor einer Scheibe und wurde dabei schon von vielen anderen Reisenden beobachtet. Sah echt witzig aus. Mit einem Bildschirm vor der Nase wäre mir das nie aufgefallen. Ohne Musik oder Ablenkung vor mir habe ich einfach mal wieder den Blick für meine Umgebung und mehr Wahrnehmung für meine Umwelt gefunden. Und ich muss in diesem Fall sagen, dass ich es schon schade finde, wie wir mehr und mehr abhängig von diesen Geräten zu sein scheinen. Einfach immer häufiger auf soziale Kontakte verzichten und uns in diese virtuelle Welt schmeißen, wo sich die echte Welt doch gerade einmal ein paar Zentimeter weiter links, rechts oder oben abspielt.

Trotz einiger wirklich schwieriger und umständlicher Einschränkungen muss ich also tatsächlich sagen, dass es von Tag zu Tag leichter zu bewältigen war und ich weniger Probleme hatte, Dinge zu organisieren. Im Prinzip hat es in mir auch irgendwo einen kleinen Schalter umgelegt, der mir sagt, dass ich es häufiger einfach mal darauf ankommen lassen sollte Dinge anders zu sehen, die Musik auszulassen, das Smartphone in der Tasche zu vergraben und ein wenig analog zu leben. Ich bin zufrieden und überrascht, diese Dinge gelernt zu haben. Im gleichen Maße am Ende aber froh, mein liebes Smartphone wieder zu haben.

Ein harmonisches und lehrreiches Ende findet ihr nicht? Im Prinzip ist das schon richtig, wäre diese besagte Reparatur nicht fast genau so teuer gewesen, wie manch ein nagelneues Smartphone… Verdammte Sch*%&$@! Aber ich habe mir dabei gesagt, dass es genau aus diesem Grund auch eine Lehre sein sollte, besser mit diesen recht teuren und nützlichen Gegenständen umzugehen, die man nach einiger Zeit als selbstverständlich ansieht und sie erst zu schätzen weiß, wenn man drauf verzichten muss.