JOKER – DER URSPRUNG ALLEN WAHNSINNS (REVIEW)

Foto: Alex Boom

Der Joker. Eine Figur, die auch nach all den Jahren nicht mysteriöser sein könnte. Der wahrscheinlich bekannteste Superschurke aller Zeiten. Mit diesem Charakter und diesem Film ist es Todd Phillips nicht nur gelungen, dem fies grinsenden Clown eine herzzerreißende und realitätsnahe Origin-Geschichte zu verpassen, sondern auch die vielleicht echteste Comicverfilmung zu erschaffen, die ich jemals gesehen habe. Und das liegt wohl in erster Linie an dem Kampf zwischen Gut und Böse, zwischen Licht und Dunkelheit, zwischen Liebe und Terror. Allerdings spielt sich dieser Kampf dieses Mal nicht zwischen Held und Bösewicht ab, sondern lediglich im Verstand einer einzigen Person: Arthur Fleck.

Is it just me or is it getting crazier out there? Eine Frage gleich zu Beginn des Films könnte das, was in den kommenden zwei Stunden passieren wird wohl kaum treffender zusammenfassen. Gotham City im Jahr 1981. Der Graben zwischen Armut und Reichtum scheint sich immer weiter aufzutun. Die Stadt versinkt langsam aber sicher in der Kriminalität, Gewalt, Chaos. Und mittendrin ein Mensch, der bei all dem Ärger trotzdem versucht den Leuten Freude zu bringen und ein Lächeln auf’s Gesicht zu zaubern, ein bisschen Wärme ins Herz zu hauchen, wo offenbar inzwischen mehr und mehr Kälte herrscht. Auch wenn nur für einen kleinen Moment von der Tragödie, die sie umrundet, abzulenken. 

Arthur Fleck, der aufgrund einer psychischen Erkrankung zum Teil in unpassenden Situationen unkontrolliert anfängt zu lachen, arbeitet in verschiedenen Gelegenheiten als Clown um seinem ebenso traurigen Leben einen hoffnungsvollen Sinn zu geben. Sich selbst von den dunklen Gedanken abzubringen, die ihn von Tag zu Tag verfolgen und Stück für Stück in den Abgrund zu reißen drohen. Zusammen mit seiner kranken Mutter Penny lebt er in einem heruntergekommenen Apartment und begeistert sich sehr für den Late-Night-Show Master Murray Franklin. Er rettet sich stets in Tagträumereien und verliert auf diese Weise mehr und mehr den Blick für die Realität, das Auge für das Richtig und das Falsch und seinen eigenen Verstand. 

Schon die Eröffnungszene legt einem den gesamten Druck des Films auf der Brust ab und lässt, nicht zuletzt wegen dem schweren und bedrückenden Score von Hildur Guðnadóttir, von diesem Zeitpunkt an nicht mehr los. Man fühlt die Trauer und den Schmerz, den Arthur erlebt, als er von einer Gang Jugendlicher zusammengeschlagen wird. Hilflos und allein, in seinem Clownskostüm in einer Seitenstraße auf dem Boden liegend. Den Willen seine Botschaft zu verbreiten, weiterhin das Gute in sich spürt und Wasser aus seiner Ansteckblume auf die dreckige Straße spritzt. Doch niemand in dieser Stadt zeigt nur einen Funken Mitgefühl oder Verständnis. Und niemand erkennt die tickende Zeitbombe, die sich unaufhörlich an die Oberfläche bewegt. Aber sind wir mal ehrlich, niemanden hätte es je interessiert. 

Doch als die Kosten seiner Therapie nicht mehr übernommen werden können, ihm sein heißgeliebter Job als Clown gekündigt wird und er zunehmend von der Gesellschaft und auch denen, die er liebt, in den Abgrund geschubst wird, stellt er fest, dass Komödie und Tragödie sehr nah beieinander liegen. Denn manchmal braucht es wirklich nur einen schlechten Tag um zu dem zu werden, wogegen man sich so lange gewehrt hat. 


,,All it takes is one bad day to reduce the sanest man alive to lunacy.
That’s how far the world is from where I am. Just one bad day.”
Alan Moore – Batman: The Killing Joke (1988)


Vor einigen Jahren haben sich noch viele Menschen gefragt, ob Filme über Antihelden oder Bösewichte wirklich ohne die dazugehörigen Superhelden funktionieren können. Aber tatsächlich habe ich in diesem Film zu keinem Zeitpunkt einen Batman vermisst. Es gibt Hinweise und interessante Verbindungen zu dem dunklen Ritter, jedoch war er nicht zuletzt aufgrund der brillianten schauspielerischen Leistung von Joaquin Phoenix, der offenbar auf Knopfdruck seinen Emotionen freien Lauf lassen kann, komplett außen vor. Seine Hingabe zu der Rolle zeigte der Schauspieler bereits im Voraus, indem er knapp 25 Kilogramm seines Körpergewichts durch enorme Ausdauer und Disziplin verlor.

Die Emotionen, die man so ehrlich und voller Mitleid mitfühlen kann, wenn Arthur von Trauer, Nervosität oder Enttäuschung in unkontrolliertes Lachen verfällt sind in meinen Augen wirklich der Weg zu einem Oscar. Denn Wahnsinn ist nicht gleich Wahnsinn. Joker zeigt einem den fließenden Übergang eines kaputten Menschen in einen extremen Geisteszustand glaubhaft auf. Und auch am eigenen Verstand lehrt der Film zu zehren. Denn welche Szenen am Ende nun der Realität entsprachen und welche einzig und allein dem kranken Verstand von Arthur entsprangen, bleibt uns zum Teil selbst überlassen.


,,The worst part of having a mental illness
is people expect you to behave as if you D 🙂 N’T”
Arthur Fleck – Joker


Todd Phillips, der sich bisher eher durch Filme wie Starsky & Hutch, War Dogs oder die Hangover Trilogie einen Namen gemacht hat, zeigt auf, dass er nicht nur albern und lustig kann, sondern auch genau das Gegenteil perfekt beherrscht. Gesellschaftskritisch zeigt der Film ehrlich und kompromisslos auf, was schon längst keine Fiktion mehr in ausgedachten Städten ist. Kranke und hilflose Menschen benötigen mehr Unterstützung denn je, die allerdings mehr und mehr unterlassen wird. Andere sehen lieber zu, wie diese Menschen sich immer mehr verlieren und teilweise viele ebenfalls Unschuldige mit in die Tiefe reißen. Also ja: It is getting crazier out there!

Für mich zusammen mit der Dark Knight Trilogie jedenfalls der beste DC-Film to Date und wirklich sehenswert. Trotzdem sollte die Warnung für Menschen mit mentalen und psychischen Problemen unbedingt ernst genommen werden! In den USA haben viele Menschen das Kino vorzeitig verlassen, da sie dem Druck, den der Film auf sie aufgebaut hat, nicht standhalten konnten. 

Release Deutschland: 10. Oktober 2019
Idee: Todd Phillips
Darsteller: Joaquin Phoenix, Robert de Niro, Zazie Beetz u.a.
Laufzeit: 122 Minuten
Genre: Drama, Psychothriller
FSK: Ab 16 Jahren

Video: Warner Bros. Pictures